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Nachruf zum 1. Todestag von Karin Kestner 4.6.2019-4.6.2020

Ein Jahr ohne Karin

Karin Kestner hat die Lebenswelt vieler Familien mit gehörlosen Kindern auf den Kopf gestellt. Mit ihrem Engagement und vehementen Einsatz für die Gebärdensprache und Bildung in Gebärdensprache half sie Kindern ihre Lebenswege mit Sprache und Bildung zu finden. Das war nötig, weil Kindern mit einer Hörbehinderung in Deutschland zumeist keine Förderangebote in Gebärdensprache zukommen.

Karin Kestner war Gebärdensprachdolmetscherin, wurde Verlegerin und Elternberaterin. Sie sah die Versorgungslücken und half sie zu stopfen. Ämter konnten die Bedarfe der Familien häufig nicht verstehen und Karin blieb an der Seite vieler Eltern, per Skype, Telefon und Mail versorgte sie Eltern mit rechtlichen Hinweisen bis zu komplett ausformulierten Widersprüchen, arbeitete den Anwälten der Kinder zu und war sich sicher, dass das Unmögliche möglich werden kann:

Taube Kinder lernen ohne Barrieren in Gebärdensprache.

Karins Wege waren ungewöhnlich – mit DolmetscherInnen in die Schule gehen, hörenden Eltern Gebärdensprachmaterial an die Hand zu geben und vieles mehr.

Und es war genau richtig!

Karin ist viel zu früh von uns gegangen. Am 04.06.2019 starb sie nach langer Krankheit.

Wir fühlen uns verlassen und dennoch lebt ihr Wille, das Unmögliche möglich werden zu lassen, in uns Eltern und ihren starken Unterstützern weiter:

Bildung in Gebärdensprache für taube Kinder.

Ein Jahr ohne Karin. Bedeutet vielfach zum Telefon greifen und merken, das geht so nun nicht mehr. Ein Jahr ohne Karin bedeutet vielfach innere Dialoge führen: „Was hätte Karin dazu gesagt?“, „Was hätte Karin als nächstes getan?“, „Wer kann noch unterstützen?“… denn die Aufgaben sind noch nicht geschafft. Viele Kinder konnten neue Weg gehen, doch vielfach muss Barrierefreiheit mit Gebärdensprache beständig neu ausgehandelt und ausgefochten werden.

Manches ist leichter geworden, vieles ist möglich geworden.

Das Ringen um Bewilligungen bleibt leider vielfach genauso hart. Und während des einen Jahres ohne Karin spüren wir Eltern das deutlicher denn je – denn da ist keine Karin mehr, die Tag und Nacht bereit steht.

Neulich hörte ich nebenbei „Gehörlose Eltern geben ihre Kinder weniger auf Regelschulen, als bis vor kurzem noch“. Ich ahne einen Zusammenhang. Ein Jahr ohne Karin und die Hürden sind vielerorts wieder hoch.

Wir werden nicht aufhören. Karins Wille zum Unmöglichen bleibt in uns lebendig und er ist so ansteckend wie es Karins Lachen immer war.

Wir müssen es schaffen, diese kostbaren Kinder und ihre Geschwister zu stärken, zu selbstbewussten und auch zu umfassend sprachkompetenten und gebildeten Personen zu erziehen.

Ohne Karin ist das umso herausfordernder.

Wir denken an Karins liebe Familie. Karins Ehemann, der nun fleißig weiter Auskunft gibt wie Tommys Gebärdenwelt per Mausklick zu betreten ist. Und der nun ohne sie mutig den Verlag fortführt.

Wir denken an ihre Kinder und die engen Freunde.

Wir trauern mit euch. Und denken in diesen Tagen ganz besonders an euch.

Karin kann keiner ersetzen.

Aber wir sind mit euch dankbar sie gehabt zu haben.

Sie ist unersetzbar. Dies bleibt die Gewissheit nach einem Jahr ohne Karin.

Wir danken dir, Karin für die Lebenszeit und Energie und dein Lachen und deinen Kampfgeist, den du uns geschenkt hast.

04.06.2020

Eltern und Fördermitglieder des VisuKids e.V. aus Sachsen.
Text von Magdalena Stenzel