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Schwerhörig werden durch CI – erstrebenswert?

Resümee einer Fachtagung

Fachtagung zur Indikationsspezifischen Rehabilitation.Rehabilitation für Hörgeschädigte (Schwerhörige) der DEGEMED 06. Juni 2008 in der Habichtswald-Klinik in Kassel Bad Wilhelmshöhe

Text aus der Ankündigung der Tagung: In der Bundesrepublik Deutschland leben Millionen hörgeschädigter Menschen, deren Gehör in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt ist. Allein 2,5 Millionen Personen sind mit Hörgeräten versorgt. Die Dunkelziffer unter schwerhörigen Menschen ist sehr groß. Knapp 300.000 sind derart geschädigt, dass ihnen aufgrund ihrer Hörschädigung ein Schwerbehindertenausweis zuerkannt worden ist. Rehabilitation hat nicht nur die Aufgabe Funktionsstörungen wieder zu beseitigen, sondern soll auch Wege aufzeigen, wie man Funktionseinschränkungen annehmen, mit ihnen umgehen und in sein Leben integrieren kann, um den privaten und beruflichen Kommunikationsanforderungen im Lebensalltag gerecht werden zu können. Neben allen anderen Kliniken, die sich um die Funktionswiederherstellung bemühen, werden deshalb Einrichtungen gebraucht, die indikationsspezifisch orientiert arbeiten. Insbesondere Hörgeschädigte sind auf spezielle rehabilitative Angebote angewiesen. Die Tagung will die Notwendigkeit dieser indikationsspezifischen Rehabilitation aufzeigen, die Frage nach speziellen Strukturen für Netzwerke diskutieren und beraten, wie die Leistungsangebote die Betroffenen besser erreichen können.

Am Freitag trafen sich ca. 40 Personen aus dem Bereich der Rehabilitation hörgeschädigter (schwerhöriger) Menschen in Kassel. Die eintägige Tagung war für mich die Bestätigung dafür, dass viel im Argen liegt in der Rehabilitation von schwerhörigen Menschen. Mannigfaltige Probleme, Krankheitsbilder und Störungen wurden angesprochen:

Psychosomatische Störungen, Depressionen, muskuläre Verspannungen aufgrund des ständigen angestrengten Hörens, schlechte Hörgeräteversorgung, mangelndes Wissen der Hörgeräteakustiker, schlechte Versorgung und Einstellung der Cochlear Implantate. Ganz erstaunt wurde festgestellt, dass Hörgeräte und CIs in der Schublade liegen und nicht benutzt würden, Ängste bezüglich Verlust des Arbeitsplatzes und der Familie wurden angesprochen und vieles mehr.

Die Reha-Kliniken untereinander sind in Konkurrenz, das müsse abgestellt werden zum Wohl der Patienten, und Dr. Harald Seidler sagte, dass die Nachsorge für CI Patienten nicht ausreichend sei, für die ca. 2000 CI, die im Jahr gesetzt würden, dass einige Patienten noch mit Werkseinstellungen herumlaufen würden, weil die Einstellungen nicht anpassungsnah erfolgen würden. Da würden Gelder der Gesellschaft in der Mülltonne landen. Das müsse ein Ende haben.

Dr. Roland Zeh nahm zum Ende hin das Wort, des aus eigener Erfahrung sprechenden Matthias Streckenbach auf, und sagte: „Ja Schwerhörige sind von der Welt und der Gesellschaft abgeschnitten“, er wiederholte es eindringlich.

Er klagte, dass die Krankenkassen immer noch nicht die Hörschädigung als Krankheitsbild anerkennen würden, dass Ärzte als Grund für Rehabilitation Tinnitus oder Depressionen schreiben müssen, weil nicht anerkannt würde, dass die Schwerhörigkeit ein Grund für die REHA sei und sie einen Rattenschwanz von anderen Störungen nach sich ziehen würde, wie starke Depressionen und psychosomatische Krankheitsbilder, die eben dringend behandlungsbedürftig seien.

Mir war bis zur Tagung nicht voll bewusst, mit welchen Krankheitsbildern und großen Problemen schwerhörige Patienten zu kämpfen haben, da ich ja mehr mit und für Gehörlose arbeite.

CI-Träger, Hörgeräte-Träger, sprich schwerhörige Menschen, bedürfen ein Leben lang der Nachsorge und Betreuung, eine spezielle auch psychologische Rehabilitation, Stärkung des Selbstbewusstseins, sodass sie ihre Schwerhörigkeit auch als Behinderung annehmen können. Viele Schwerhörige würden sich immer noch nicht als behindert betrachten, diese Stärkung des Selbstbewusstseins würde es ihnen ermöglichen mit den vielen gesundheitlichen Störungen und Kommunikationsschwierigkeiten in der Gesellschaft und im Arbeitsleben zurechtzukommen. Siehe auch Umfrage Prof. Hintermair im Taubenschlag.

Für mich stand zum Schluss fest, wenn erwachsene Menschen schwerhörig werden oder auch von Geburt an sind, bedürfen sie der intensiven Hilfe der Gesellschaft.

Diese mannigfaltigen Krankheiten, aufgrund der Schwerhörigkeit, sind mir bei gehörlosen Menschen nicht bekannt, natürlich sind auch sie mal krank, aber in so geballter Form auftretende Störungen aufgrund des Behinderungsbildes gibt es bei Gehörlosen nicht.

Da fragt man sich allen Ernstes, ist es erstrebenswert gehörlose Kinder durch CI schwerhörig zu machen? Mein Antwort nach Besuch der Tagung kann nur heißen – NEIN!

Gehörlose Kinder (ohne andere Krankheiten) können, wie die heute gehörlosen Erwachsenen, ein normales Leben führen. Sie sind nicht lebenslang Patient, die der Nachsorge und Stärkung des Selbstbewusstseins aufgrund des fehlenden Gehörs bedürfen. Sie benötigen keine spezielle Gehörlosen-REHA, keine Kliniken und Ärzte, die sie therapieren müssen, sie benötigen nur die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache, in Früherziehung, Schule und Beruf und das nicht nur auf dem Papier, sondern auch in den Köpfen. Auf den Stationen der normalen Kliniken brauchen sie ein paar Menschen, die ein wenig Gebärdensprache beherrschen.

Nein, es ist nicht erstrebenswert aus gehörlosen Kindern Patienten mit CI zu machen! Nein, es ist nicht erstrebenswert durch CI schwerhörig zu sein und ein Leben lang Patient der Kliniken zu werden!